Fazit Patagonienreise

Zuerst ein paar Daten

Reisedauer von Isla de los Estados bis Puerto Montt (8. Dezember bis 23. März): 105 Tage
Seemeilen insgesamt: 2135
Davon gesegelt: 772 (36%)
Schiffsbewegungen: 63
Geankert: 60 mal, 83 Nächte vor Anker
Davon mit Leinen: 15 mal (2-3 mal um Felsen, Rest Bäume)
Marina: 4 Tage (Puerto Aguirre)
Boje: 2 Tage (Puerto Quemchi)
Auf See: 1 Nacht (Golfo de Penas)
Diesel gebunkert: 3 mal (Ushuaia, Puerto Natales, Puerto Eden)
Gesamtverbrauch Diesel ca.: 1120 Liter
Motorstunden: 307
Also ganz kurz: wir sind froh, dass wir es gemacht haben, aber auch froh, dass es hinter uns ist. Insgesamt eine sehr eindrückliche und wohl auch einzigartige Reise. 
Nun einige Bemerkungen/Erfahrungen. 
‚Anreise‘: 
der Weg zum Beginn Patagoniens, also bis Isla de los Estados oder Ushuaia, ist sehr lang. Insbesondere ab Buenos Aires gilt es immer wieder, auf geeignete Wetterfenster zu warten, um ein paar Tage weiter zu kommen. Je nach Jahreszeit ist das etwas anders, aber die Distanz ist so oder so lang. Der Weg der Küste entlang bietet zudem kaum Highlights.
Alternativ kann man natürlich weit draussen direkt runter. Das ist dann aber eine andere Geschichte. 
Reisezeit: 
wir fanden es sehr gut, Ende Dezember in Puerto Williams loszusegeln, da man so von den sehr langen Tagen profitieren kann. Die Winde wehen frühmorgens typischerweise noch weniger stark. Nicht selten standen wir um 4 Uhr oder kurz danach auf, im Hellen, und hatten mittags schon unser Tagesziel erreicht. Dann blieb noch sehr viel Zeit für Erkundungen etc. Im späteren Verlauf wurden die Tage schnell merklich kürzer, vor allem am Morgen wurde es erst um 7, dann noch später hell, während die Abende immer noch lange hell blieben, von anfänglich bis 23 Uhr später bis vor 20 Uhr, was völlig ok war. Also: noch früher im Dezember zu gehen, wäre evtl gar nicht falsch. 
Ausrüstung: 
Natürlich hatten wir vier 100m schwimmende Leinen dabei. Zwei sind schon fix auf Rollen im Boot eingebaut, allerdings mit recht kleinem Querschnitt. Die zwei zugekauften waren dann 16mm dick. Empfohlen wird noch dicker. Wir denken, dass das völlig übertrieben ist. Aber das muss natürlich jeder für sich selber entscheiden. Für die beiden neuen Seile haben wir bei Decathlon je einen Fussballsack (für 8 Bälle) gekauft. Hat super geklappt. 
Es werden Ketten fürs Festmachen an Felsen empfohlen. Wir haben stattdessen die dicke , mehrlagigen Gurtbande für Felsen eingesetzt. War super. Und man kann sie später auch mal in einem Hafen für raue Poller verwenden. Zum Einsatz kamen die Dinger aber nur so zwei bis drei Mal. 
Als Kelpmesser haben wir eine Säge an einen Bootshaken montiert. Unabdingbar!
Grobe Handschuhe fürs Leinenhandling sind nützlich. Auch auf Wanderungen, um sich besser durch das Gestrüpp kämpfen zu können. Teure Handschuhe sind übrigens zu schade dafür. 
Segeln: mit 36% sind wir vergleichsweise viel gesegelt. Am Anfang ist das noch mühsamer, da meist Strom und Wind gegen einen sind. Insbesondere der Strom führt zu sehr frustrierenden Wendewinkeln. Im Verlauf der Reise wird das besser. Was besonders positiv ist: es hat meist keine Welle, so dass hoch am Wind kreuzen Spass macht, da das Schiff nicht abgebremst wird. 
Ankern: das mit den Leinen an Bäumen festmachen hat man schnell raus. Es hat etwas gedauert, bis wir auf den Dinghy-Motor verzichtet und ganz aufs Rudern umgestellt hatten. Fast immer verhedderte sich die Schraube  im Kelp, also lieber rudern. Man ist ja meist eh sehr nah am Ufer. 
Diesel: 
mit unserem 700 Liter-Tank wären wir wohl auch ohne Reservekanister bis nach Puerto Eden gekommen, wo man erstmals – auf Vorbestellung – Diesel kaufen kann. Ausser man macht den Abstecher nach Puerto Natales, wo es auch eine Bunkermöglichkeit gibt. Mit vier 30-Liter-Kanistern waren wir gut bedient. Allerdings würden wir 20L-Versionen nächstes Mal vorziehen, da sie halt schon einiges leichter sind. 
Der Dieselverbrauch fürs Heizen hat sich in Grenzen gehalten. Die Heizung lief nur morgens eine Stunde oder so und abends ein wenig. Sonst reichte die warme Tageskleidung. Allerdings ist unser Boot sehr gut isoliert, daher kann der Dieselverbrauch fürs Heizen evtl bei anderen Booten stärker ins Gewicht fallen. 
Wir haben in den 3 Jahren vor Patagonien 600 Motorstunden auf der Anzeige gehabt. In den letzten 3 Monate lief der Motor 300 Stunden! 
Watermaker: 
die Gletscher produzieren zT viele Sedimente im Wasser, so dass die Vorfilter regelmässig gereinigt bzw ersetzt werden müssen. Wer keinen Watermaker hat, kann sich an vielen Bächen bedienen. Oder am reichlichen Regen!
Energie:
Unsere Befürchtungen, dass der Sonneneinstrahlwinkel so weit im Süden die Solarpanele wirkungslos machen würde, haben sich als falsch erwiesen. Man ist gar nicht so weit im Süden, Ushuaia liegt so weit südlich, wie Kopenhagen nördlich. Wenn man also Sonne hat, hat man auch Energie. Der Haken ist halt das Wort ‚wenn‘. Bei mehreren Wartetagen ohne Sonne mussten wir schon mal den Generator anwerfen. Insgesamt aber waren das vielleicht 15 Stunden in drei Monaten. 
Wandern:
Wir dachten, an den Tagen, an denen wir auf besseres Wetter bzw vor allem weniger Wind warten müssten, würden wir die Umgebung erwandern. Das war vielleicht der größte Wermutstropfen der Reise: von den meisten Ankerplätzen kam man schlicht kaum an Land. Oder genauer: vom Ufer weg. Denn entweder waren die Hänge zu steil und/oder das Busch- und Baumwerk praktisch undurchdringlich. Gelang das doch einmal, war das Vorwärtskommen äusserst mühsam. Der Regen allein hätte uns dank gutem Regenschutz nicht abgehalten.  Als Resultat waren wir oft tagelang im Schiffsinnern (und haben uns gefreut, dass es uns da sehr gut gefällt). Sobald aber ein Ausflug möglich war, haben wir das immer ausgenutzt, was uns immer sehr gefallen hat. Es hat sich übrigens besonders bewährt, gleich in wasserdichten Segelhosen, Stiefeln, Handschuhen und einer robusten Jacke loszugehen, um dem wassergetränkten Boden und den Stacheln der Büsche getrost entgegentreten zu können. 
Wetter:
Es ist wohl schon zum Ausdruck gekommen, dass es viel regnet. Dann sieht man von der einen umgebenden wundervollen Landschaft rein gar nichts. Öffnet sich der Himmel aber und lässt die Sonne durch, dann kompensiert das sofort die zurückliegenden grauen Tage und man kommt oft aus dem Staunen nicht mehr raus. 
Tiere:
Sehr, sehr wenige. Ok, Delphine gehörten in gewissen Regionen schon fast zu den täglichen Begleitern. Robben auch. Wale haben wir nur ganz selten gesichtet. Anfänglich hat es sehr wenig Getier, kaum Vögel. Je mehr man nach Norden kommt, umso mehr nimmt das zu. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man schon mal ein Chungungo, einen chilenischen, scheuen, kleinen Otter. Pinguine selten und nur im Wasser, nie an Land. 
Auch Menschen sieht man kaum. Zur Centolla-Saison gibt es sicher viel mehr Fischer. Zu unserer Zeit war aber Schonzeit, so dass es nur ein oder zwei Male zu einer Begegnung – von Weitem – kam. Andere Segler: Praktisch nie. Ausser Pould‘O, die fast gleichzeitig mit uns gestartet sind. Sie waren eine willkommene Abwechslung, die bis zum Schluss gehalten hat. 
Highlights:
Das sind wohl eindeutig die imposanten Gletscher. Gerade bei Sonnenschein sind sie einfach wahnsinnig schön und beeindruckend. Leider schwingt auch immer etwas die Tragik der Klimaveränderung mit, die sich an den Gletschern besonders manifestiert. Wir haben einige Abstecher eingebaut, um viele von ihnen zu sehen. Und keiner ist wie der andere. 
Ein allgemeines Highlight sind die vielen wundervollen Ankerplätze in dieser schwer zu fassenden Weite. 
Probleme:
Hatten wir zum Glück gar keine. Alle Systeme liefen reibungslos. Mit (grosser) Ausnahme der Ankerwinsch, die schon zuvor etwas erratisch gedreht hat. Aber sie hat immerhin den Dienst nie verweigert. Und die Blockierung des Autopiloten hatten wir wie berichtet bald wieder gerichtet. 
Also, das war‘s aus Patagonien. Das Schiff haben wir landfest gemacht, so dass es jetzt einige Monate alleine im Südwinter verbringen kann, bevor es dann gegen Ende Jahr Richtung wärmere Gefielde geht. 
Bis dahin Sendepause – und dafür mehr persönliche Begegnungen. Frohe Ostern!

Bild von Klaus Tischhauser
Klaus Tischhauser

2 Kommentare

  1. Spannendes Fazit, bemerkenswerte Leistung von euch beiden in dieser rauen Natur. Eine Segeltour, die sich von allen anderen abhebt und viel Erfahrung reicher. In der Schweiz könnt ihr ja die vermisste Bewegung an Land nacholen. Herzliche Grüsse aus Cartagena. Unsere Wakutwo ist schon am Hafen. Noch muss sie durch die Drogenkontrolle. Nächste Woche dann Mexico.

  2. Liebe Elgard, lieber Klaus

    danke fuer den sehr ausfuehrlichen Bericht – habe ihn Brigitte vorgelesen.

    Wir sind froh dass dieser spezielle Welt-Um/Besegelungsabschnitt so gut und interessant verlaufen ist. Die Einzelberichte und diese Zusammenfassung haben uns einen guten Einblick in euren Alltag und die Umgebung vermittelt – so gut wie das moeglich ist. Am koestlichsten fanden wir den Einzelbericht mit den Videos ‚im Dschungel‘. Vom Weg abgekommen haven wir in Suedafrika die trockene Variante mit der ganzen Familie erlebt – ohne faszinierenden Gletscherhintergrund.

    Eine abwechslungsreiche Auszeit mit vielen persoenlichen Begegnungen und Heimerlebnissen in ‚gleichzeitig‘ Ruhe und Bewegung wuenschen euch

    m+b

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