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Boat Fails am Laufmeter

Also, das ist jetzt mein erster Beitrag hier. Ich fühle mich schon noch etwas unsicher, unsereiner macht so etwas ja nicht alle Tage. Auf die Idee bin ich nur gekommen, weil ich ja in Cherbourg einige Zeit neben meiner Vorgängerin, der ‘September’, gelegen hatte. Sie hatte das auch schon mal gemacht und mir erzählt, wie das geht. Sie hat mir auch viel über meine bzw. damals noch unsere beiden Besitzer erzählt. Insgesamt schienen die ja ganz in Ordnung zu sein. Schon mit ein paar Jahren Erfahrung auf dem Buckel. Die September hatte sich immer nur dann gemeldet, wenn sie besonders besorgt war und nur noch den Weg über die Leserinnen und Leser als Ausweg sah. So will ich es auch halten. Ich habe ja sonst einen anderen Job.

Also Sorge bereitet mir im Moment einfach, dass die beiden mittlerweile praktisch täglich irgend einen Mist bauen, den ich mir nicht richtig erklären kann. Wenn man auf YouTube (ja, ich gebe zu, ich schaue da den Eignern schon auch mal über die Schultern, wenn sie das gucken) ‘boat fails’ eingibt, bekommt man schon mit, dass da einiges schief gehen kann. Aber die Häufung hier, die scheint mir nicht mehr normal.

Ich fand schon die Situation in Dornumersiel nicht so ideal. Sie meinten zwar, sie hätten alles unternommen, um da gegen den Wind rauszukommen, aber ich glaube, es hätte da schon noch die eine oder andere Möglichkeit gegeben. War auf alle Fälle sehr unangenehm an der Hafenmauer dort.

Immerhin sind sie dann plötzlich morgens um 4 los, obwohl sie eigentlich das nächste Hochwasser hatten abwarten wollen. Aber ich hatte immer noch ziemlich Wasser unter dem Bauch und Wind war auch sehr wenig. So sind sie dann also los, liefen aber doch auch dieses Mal wieder auf Grund. Somit also JEDES mal, wenn sie durch den Kanal von Dornumersiel fuhren. Gut, ist nicht einfach dort und stockdunkel war es auch noch. Am Schluss liessen sie mich noch an der Birkenspiere vorbeischrammen, hatten den starken auslaufenden Strom in der Kurve nicht miteinberechnet. Anfänger!

Immerhin kehrte danach etwas Ruhe ein. Wir segelten aus dem Gebiet der Ostfriesischen Inseln raus aufs offenere Meer und dann rüber zu den Westfriesischen Inseln, die ja schon holländisch sind. Dank des frühen Auslaufens hatten wir noch gut Wind. Nach Schiermonnigoog fuhren wir dann z.T. gegen den Wind und bei Tiefwasser wieder rein in das seichte Gebiet. Ging aber noch alles gut. Schliesslich landeten wir in Lauwersoog, wo wir durch die Brückenschleuse ins holländische Kanalgebiet reinfuhren. Vor Jahre waren die hier schon mal mit der September. Damals noch als blutige Anfänger, die sie ja mittlerweile nicht mehr sein sollten. Damals blieben sie in der Nähe mit ihrem fixen Kiel stecken. Das sollte mir mit meinem versenkbaren Schwert nun wirklich nicht mehr passieren. Aber es kann ja noch so einiges andere schiefgehen. Darum schreibe ich ja überhaupt.

Also, die nächsten Meilen waren wirklich wunderschön. Wir fahren ja die sogenannte Staande Masteroute, d.h. eine Inlandroute über die Kanäle, bei der man auch mit hohem Mast durchkommt, da die Brücken für die durchfahrenden Schiffe extra öffnen. Dass ich so nah an Land, fast wie auf einer Strasse, einfach so durchs Land gleite, ist schon etwas speziell. Auf Augenhöhe nicht nur mit den holländischen Radlern, die entlang der Kanäle unterwegs sind, sondern in dieser Jahreszeit auch mit all den Tieren, die gerade Nachwuchs haben: Enten, Schafe, Ziegen, Kühe, Pferde. Dann hoppeln da immer wieder Hasen herum, Schwäne und Gänse schwimmen, fliegen und ruhen überall, auch Störche. Gut. Wir nähern uns also unserem nächsten Ziel, Dokkum. Als wir anlegen, beginnt die aktuelle Serie von Boat Fails: der Skipper, der kurz zuvor noch Fotos von der schönen Szenerie machen wollte und dafür sein Telefon in die Jackenbrusttasche schob, bückte sich und entliess damit sein ausgelagertes Hirn in die Freiheit, sprich den trüben Kanal von Dokkum. War sicher Pech dabei, dass es über einige Hüpfer genau noch den Weg die Treppe nach hinten über die Badeplattform fand. Aber der Drang nach Freiheit schien gross. Lustigerweise versuchte er nach dem Anlegen noch, aus dem Dinghy heraus mit dem Bootshaken und dem Käscher nach dem Telefon zu stochern (es soll ja wasserdicht sein und tief war es da nicht wirklich). Vergeblich. Nun, er war noch recht relaxed dafür, dass er auf dem Teil wirklich alles, was er so zum leben braucht, gespeichert hatte.

Am nächsten Tag, Montag, galt der erste Landgang natürlich einem Apple-Shop, wo er ein neues Gerät erstand. Es schien ihm dann aber schon etwas zu schaffen gemacht zu haben, dass ihm sein Telefon (bzw. die Cloud) nicht wie er vermutet hatte, einen aktuellen Backup bereithielt. Ich konnte merken, dass da die Bordstimmung doch wieder etwas sank. Er ging nun zwischen Boot und Shop hin und her, da der Backupprozess (es gab da anscheinend doch noch was) sehr lange dauerte. Bei einem der Besuche, wollte er die Vorleine etwas richten. Dabei entfernte ich mich wegen des Windes weg vom Steg. Wie man das so macht, legte er das Seil um den Poller und stand darauf, um mich heranzuziehen. Nur leider hielt er das Seil wohl nicht fest genug, so dass er wie ein Youtube-Boatfailer einfach ins Wasser fiel! Das habe ich noch nie erlebt, Mann! Die Skipperin, die gerade wieder vom Boot kam, traute ihren Augen nicht. Geistesgegenwärtig reagierte sie sofort und gleich richtig: sie zückte die Kamera. Immerhin konnten beide lachen.

Dokkum schien den beiden wenig Glück zu bringen. Auf der virtuellen Ebene schaffte es der Skipper dann auch gleich noch, die Website mit einem zu grossen Beitrag zu verstopfen. Noch ein zusätzliches Ärgernis.

Am nächsten Tag ging es dann – nicht ganz ohne weitere Zwischenfälle, doch die lassen wir jetzt der Länge wegen weg – weiter nach Leeuwarden. Wiederum schöne Fahrt. Nur knapp sind sie allerdings wieder an einem Boat Fail vorbeigeschrammt: bei einigen Brücken ist ein Brückengeld zu entrichten. Der Brückenwärter schwingt den Schiffen dann jeweils bei der Passage mit einem Stecken einen an einer Schnur befestigten holländischen Holzschuh hinüber, in den man dann das Geld legt. Bei so einer Durchfahrt meinte die Skipperin, der Skipper solle etwas näher ranfahren, was er dann auch tat. Allerdings sind diese Hebebrücken auf der Seite der gehobenen Brücke oben weniger breit als unten (eben wegen der Brücke). Meine Saling entging einer Berührung mit der hochgezogenen Strasse nur knapp. Immerhin passte der Skipper danach immer gut auf, auch auf die Bäume am Ufer, die den Seglern ja durchaus in die Quere kommen können.

Das taten sie dann schliesslich beim nächsten Boat Fail: im Stadtzentrum von Leeuwarden angekommen, wollten die beiden gleich nach der ersten Brücke rechts ranfahren und anlegen, als es plötzlich mächtig im Gebälk gekracht hat. Wahrscheinlich hatten sich beide aufs Ufer, nicht aber auf die dort wachsenden Bäume konzentriert. Die Skipperin konnte einem grösseren herunterfallenden Astteil nicht mehr ausweichen. Zum Glück konnte sie sich noch wegducken, es landete ‘nur’ auf ihrem Rücken.. Sie blieb unverletzt. Mit meinem Deck voller Äste suchten sie das – baumlosere – Weite, nachdem sie Achterstag und Saliling wieder vom Baum entnestelt hatten.

Nun frage ich mich einfach: geht das weiter so? Kann das so weitergehen? Wie weit treiben die das noch? Un: Wie weit kommen die so überhaupt noch?

Es ist ja nicht so, dass die zwei sich nicht auch Sorgen machten. Sie fragen sich, ob jetzt das Altern einfach rapide voranschreitet und sie praktisch täglich tatteriger werden? Oder ob es gar an mir liege, was ich mir – unter uns gesagt – natürlich verbitte. Aber ratlos sind wir nun irgendwie alle. Drum wende ich mich ja an Euch. Ich hoffe einfach, dass es am Bermuda-Dreieck des Nordens – Dornumersiel – Dokkum – Leeuwarden – liegt und sich das alles wieder beruhigt, sobald wir uns etwas entfernen. Immerhin ist ihnen seit der Ankunft – fast – nichts mehr passiert. Aber auch da hülle ich mich lieber etwas in Schweigen, ich will es mir ja nicht ganz mit den beiden verderben.

Morgen Samstag kommen Sonja und Roli an Bord. Ich wünsche den beiden inständig, dass die Serie nun abgebrochen ist und sie eine sichere und gute Zeit bei mir an Bord verbringen können.

Sachdienliche Hinweise, auch direkt an die beiden, sind natürlich sehr willkommen.

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Klaus Tischhauser

5 Responses

  1. Keine sachdienlichen Hinweise aus dem Buerostuhl verfuegbar…

    Wie immer gilt: …ist nicht eine ‚ob-Frage‘ sondern eine ‚wann-Frage’/’wo-Frage‘. Letztere zwei sind nun beantwortet, und ich finde nur ‚Entzueckender Erfolg‘ in der Glaskugel. Leider ist mein ‚finden von enzueckendem Erfolg‘ dem Gesetz der ob/wann/wo Failure-Frage ausgesetzt.

    Hoffe das beste, stay safe!

  2. Hallo Iraila,
    Wie schön dich kennenzulernen und von dir zu hören. Wir hatten ja das Vergnügen, dich zu besichtigen! Du bist schon eine tolle SY und eine gebührende Nachfolgerin der September.
    Ich habe die Berichte der September immer gerne gelesen und mit ihr mitgefiebert! Aber
    Deine Geschichte ist schon der Knaller. Allerdings denke ich, kann das ja nur an den Anfangsschwierigkeiten eurer Beziehung liegen oder aber an Murphys Gesetz. Kann ja nur besser werden 🙂 Freu mich darauf wieder von dir zu hören, pass auf die beiden auf.
    LG Yvonne
    PS wurde das neue Handy eigentlich auch versenkt?

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